mein diercke weltatlas (fragmentierungen)

landkarten hatten für mich immer eine gewisse faszination. gefragt, was ich da sehe, konnte ich allerdings selten eine befriedigende antwort geben. deshalb hoffte ich immer, dass man mich nicht drannehmen würde im erdkundeunterricht.
wenn ich mich still verhalte ich erfreute mich an den pfeilen und linien, farben und formen und versuchte zu begreifen, doch je intensiver ich darüber nachdachte desto schwindeliger wurde mir, vergleichbar den allerersten zügen an einer zigarette oder dem gefühl nach einem leidenschaftlichen zungenkuss. die karten entwickelten ein eigenleben. verschieden große rote und schwarze punkte im »verdichtungsraum rhein-ruhr«, das könnte zeigen wo die verliebtesten und wo die frustriertesten menschen wohnen. natürlich geht es um ballungsräume, steht ja auch daneben. aber reicht es nicht zu wissen, im ruhrgebiet leben mehr menschen als etwa im wendland?



das war ja zonenrandgebiet. damals gab es noch die ddr, ein ort, wo ich nicht mehr hinkomme, denn es gibt sie nicht mehr.
vielleicht war die fragestellung die falsche. jahrelang hab ich mich gefragt, was schief gelaufen ist, aber es lief alles richtig. ich war nur faul. ich bin eine faule sau, jetzt ist es raus. noch nie hab ich mich besonders angestrengt für irgendetwas. vieles fiel mir leicht und flog mir so zu, doch selbst dann war ich meist zu faul es zu fangen. und klappt etwas nicht auf anhieb, verliere ich sofort die lust. ich muss noch die wäsche aufhängen.

wie beim deuten dieser karten. im erdkundeunterricht, was sehen wir auf der karte »harzwasserversorgung«? blaue kreise und hellblaue kreise in verschiedenen größen, die sich teilweise überschneiden. in eisleben hat es buntmetallverhüttung, das zeigt die karte II auf seite 5. schön bunt ist auch »die raumordnung und landschaftsplanung einer stadtregion am beispiel des verbandes großraum hannover«. vielleicht wäre jetzt eine transferleistung gefragt. wenn ich die luft anhalte

ich sehe nicht ein, warum nicht alles einfach und angenehm sein kann. zum beispiel. habe ich einen beruf, der macht mir spaß. leider sind die verhältnisse so, dass extremer termindruck an der tagesordnung ist. dazu gesellen sich chronischer personalmangel, schlechte arbeitsbedingungen und fachfremde aufgaben, so dass mir die tätigkeit, die ja eigentlich spaß macht, schon bald keinen spaß mehr macht. das geht allen anderen auch so und alle scheinen das zu akzeptieren, man schimpft gegen 10 im frühstücksraum über die kollegen, über die chefs, über die arbeit, über die kunden, über die autofahrer, über die ungerechtigkeit, über die blöde kaffeemaschine. alle sind total gereizt aber was soll man machen. wir sind ja nicht bei »wünsch dir was«.

Die Aufgabe des Kartographen ist die Visualisierung und Verwaltung von Geodaten. Dazu erstellt und aktualisiert der Kartograph aus raumbezogenen Daten aller Art mit digitalen Techniken topographische Karten, thematische Karten und kartenverwandte Darstellungen sowie Präsentationsgrafiken und multimediale Produkte. quelle
warum nur hören sich beschreibungen von berufsbildern immer so hölzern an? und kommt es mir nur so vor, oder wirken die azubis in dem film nicht alle wie ferngesteuert. wo ist da die echte begeisterung?
themenwechsel.



früher konnte ich mir nicht vorstellen, älter als 25 zu werden. dann wurde ich 25, dann 26 usw., das ist bekannt. wenn ich die augen zumache ein jahr folgt auf das andere, man kann keines auslassen noch eines wiederholen, nach a kommt b kommt c kommt d.

ich muss die wäsche aufhängen. erst muss die alte wäsche abgehängt werden. erst muss der wäschekorb geholt werden. der wäschekorb muss erst ausgeräumt werden. die wäsche muss in den schrank sortiert werden. die hemden müssen erst gebügelt werden. das bügeleisen muss aus einem anderen schrank geholt werden. das bügelbrett muss aufgestellt werden. die verlängerungsschnur muss in die steckdose gesteckt werden. wir könnten ein bisschen musik dazu hören. nein radio ertrage ich jetzt nicht. welche cd … welche cd … wo ist noch mal die cd hin? wir könnten einen tee dazu machen. der wasserkocher muss gefüllt und eingeschaltet werden. ein teebeutel muss in die teetasse getan werden. ein alter teebeutel muss erst noch entsorgt werden. wir brauchen honig in den tee. ich muss mich hinlegen, die decke über den kopf, hier findet mich keiner … das telefon ignorieren, die vorhänge zu, und warten … wann kommen sie mich holen?

da sind noch ein paar zwischenschritte, die ich der einfachheit halber übergangen habe. hier geht das ja. können sie trotzdem folgen? wenn nicht, nicht schlimm. sie haben nichts verpasst. je mehr ordnung wir schaffen desto chaotischer wird alles.
der blick fällt auf das putzmittel. das putzmittel hat hier aber nichts verloren. ich muss an die wäscheklammern denken. ich muss die hausschuhe suchen. die turnschuhe sind im weg. ich stelle sie ins schuhregal. die schuhe müssten auch mal wieder poliert werden. was war es, das ich gleich noch mal tun wollte?



ah ja. in meinem diercke weltatlas gibt es alle länder der welt auf dem stand von 1977. in den meisten gegenden war ich noch nicht, in den wenigsten war ich. karl-marx-stadt zum beispiel habe ich bislang verpasst (14/15 H/I 3). vielleicht komme ich auch nicht mehr hin. bis auf den dachboden reicht es noch, wäsche aufhängen. erst alte wäsche abhängen. dann neue wäsche aufhängen. da kenne ich mich aus, soweit ist alles überschaubar. ich tu so, als hätte ich es nicht gehört. tortendiagramme, balkendiagramme, »regionale entwicklung von 1961 bis 1972 am beispiel bayern (ausschnitt)« in form einer schnelldruckerkarte. stünde da nicht »straubing«, »landshut« und »regensburg«, könnte es eine abbildung meines innenlebens vor der defragmentierung sein. dinge, die auch mal getan werden müssten.



wieviel wäsche hängt man in seinem leben wohl auf? wieviele gegenden lernt man kennen? wieviele menschen? wieviele davon bedeuten einem etwas? wie oft wird man enttäuscht? wie oft enttäuscht man andere? wie oft enttäuscht man sich selbst? wie oft ist man zufrieden? wie oft sind diese fragen schon gestellt worden? was ist mir wichtig?

besser, ich sortiere die socken sofort.
C. Araxe - 13. Jan, 08:55

Und? Was macht die Wäsche? *g*

Ach, selbst die fragmentierteste Karte ist irgendwo noch übersichtlich im Vergleich zu dem, was man so Leben nennt.

katzenbeisser - 13. Jan, 09:04

ah, die wäsche! :) nein, sie hängt friedlich oben auf ihrem wäscheständer und ist wahrscheinlich gefroren.
alvaro - 28. Nov, 14:51

zum hören

Hi

bitte hör dir das an:

http://ccmixter.org/people/alvaroberlin/alvaroberlin_-_Fragmentierungen.mp3

und melde dich!
alvaro at berlin punkt de

schöne Grüße
Alvaro

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